See Wanam

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Es gibt einen in ewigem Grün eingebetteten See, fernab von jeglichem menschlichen Kontakt mit der Außenwelt. Soweit seine Geschichte nachvollziehbar ist, war er zu keiner Zeit besiedelt. Dennoch hat er seinen Namen von einem Eingeborenen-Stamm, der in dem Tal lebte, in dem auch der See gelegen ist. Der Stamm hieß Wampar und der See trägt immer noch den Namen Wanam. Das Tal mit dem alten Namen Markham liegt auf der Huon-Halbinsel in Papua Neuguinea.

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Es gibt einen in ewigem Grün eingebetteten See, fernab von jeglichem menschlichen Kontakt mit der Außenwelt. Soweit seine Geschichte nachvollziehbar ist, war er zu keiner Zeit besiedelt. Dennoch hat er seinen Namen von einem Eingeborenen-Stamm, der in dem Tal lebte, in dem auch der See gelegen ist. Der Stamm hieß Wampar und der See trägt immer noch den Namen Wanam. Das Tal mit dem alten Namen Markham liegt auf der Huon-Halbinsel in Papua Neuguinea.

 

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Die Karte zeigt Deutsch-Neuguinea um die Jahrhundertwende

(oberhalb die gestrichelte Linie, darunter war Britisch-Neuguinea)

Die Historie der Menschen im Markhamtal ist eine blutige und zum Teil grausame. Über den See ist nichts bekannt. Dieser Bericht soll jedoch Licht in seine Geschichte bringen und hoffentlich den Menschen
Denkanstöße geben. Daß Menschen sich gegenseitig umbringen, ist ihre Sache. Daß Menschen die Natur verwaltigen und zerstören, betrifft uns alle. Wir sind nur Besucher auf dem Planeten Erde. Demtentsprechend sollten wir uns verhalten. Der kontinuierlichen Zerstörung von Natur und Umwelt muß Einhalt geboten werden. Auch wenn es über die Leiche eines simplen Fisches gehen muß. Nachstehend ist ein Tatsachenbericht über ein Tal, einen See und einen Fisch.

 

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Die Eingeborenen im Markhamtal und Ihre Bauten um die Jahrhundertwende


Das Markhamtal blieb von “Weißen” unerforscht bis 1870 (zumindest gibt es keine Aufzeichnungen aus früheren Jahren). Der Wampar-Stamm lebte am rechten Markham-Flußufer, wo sich auch der Wanamsee befindet. Von diesem Stamm ist aus dem Jahre 1870 eine Geschichte überliefert. Ein Mann namens Rizib und sein Sohn Zanaz lebten in einem der Wampit-Dörfer an jenem rechten Ufer. Rizib war ein “garaweran”, ein bedeutender Mann, wegen seines überheblichen,herausfordernden Benehmens gefürchtet und unbeliebt. Diesen Ruf wußte er geschickt zu seinem Vorteil zu nutzen.

Wann immer eine Familie oder ein Clan ein Fest vorbereitete, erhielten sie von Rizib und seinem Sohn folgende Botschaft: “Vergeßt nicht, auch mir einen Knochen zukommen zu lassen.” Aus Angst schickten ihm die Angesprochenen ein ansehnliches Stück Fleisch und andere Nahrungsmittel. So war Rizib jederzeit reichlich mit Speisen versorgt. Er führte dieses aufwendige Leben über lange Zeit, die Leute aber wurden immer ärgerlicher und verzweifelter. Schließlich taten sich einige von ihnen heimlich zusammen, um zu beraten: “Was können wir tun, um den hochnäsigen Rizib und seine Brut loszuwerden?”. Sie beschlossen, ihn an seinem wundesten Punkt – seiner Gier nach gu-tem Essen – zu packen. Man richtete ein großes Fest aus, viele Schweine wurden geschlachtet und ungeheure Mengen Gemüse vorbereitet. An Rizib und Zanaz erging eine Einladung. Heimlich hatten die Gastgeber eine tiefe Grube ausgehoben und deren Boden mit zugespitzten Bambusrohren gespickt. Sorgfältig bedeckten sie das Loch mit Ästen und Erde. Zuletzt breiteten sie darüber eine Matte aus Baumrinde aus, die die Gäste willkommen hieß. Rizib und sein Sohn Zanaz trafen ein.

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Eingeborene in Papua Neuguinea kämpfen heute noch z. T. mit Pfeil und Bogen

Festlich geputzt stolzierten sie ins Dorf, die Speere stets wurfbereit in der Hand. Die Gastgeber eilten ihnen zur Begrüßung entgegen und baten sie, sich auf der Matte – dem Ehrenplatz – niederzulassen. Ohne Verdacht zu schöpfen, gingen die beiden in die Falle. Als sie sich setzten, brach die dünne Decke ein, die übertölpelten Männer stürzten auf die spitzen Bambusrohre. Rizib war schwer verletzt, Zanaz jedoch konnte sich aus der Grube befreien und versuchte zu entkommen. Ihre Feinde waren jedoch auf der Hut und erschlugen beide.
Nach der Überlieferung nahmen von diesem Ereignis an Krieg und Unfrieden ihren Ausgang. Der Tod von Ribiz und seinem Sohn wurde von den Angehörigen ihres Clans gerächt. Die Menschen gerieten in Streit und verließen ihre in den Wampit-Niederungen gelegenen Dörfer. Einige von ihnen überquerten den Markhamfluß, um sich auf der anderen Seite anzusiedeln. Dies jedoch ging nicht ohne die Vertreibung der hier von alters her ansässigen Bevölkerung vonstatten.
Eine andere Geschichte aus dieser Zeit wird wie folgt überliefert: Wie gewohnt spielten Kinder im Dorf, während die Eltern draußen in den Gärten arbeiteten. Plötzlich entdeckten einige Kinder eine Gottesanbeterin (Mantis religiosa) und spielten solange mit ihr herum, bis das Tier erhebliche Verletzungen aufwies. Nun war aber die Gottesanbeterin das Totemtier eines anderen Clans. Als die Kinder dieses Clans sahen, was geschah, beschwerten sie sich. Doch die anderen ließen sich von ihren Spielereien nicht abbringen, quälten das Insekt weiter, um es  schließlich zu töten. Die Folge war eine Rauferei zwischen Kindern, die sich dann unter den zurückkehrenden Erwachsenen zu einem wilden Kampf ausweitete. Dieser Vorfall brachte Feindschaft und Streit unter die Menschen, die bis dahin friedlich in einer Gruppe zusammengelebt hatten. Und eine dritte Begebenheit, die ebenfalls in Krieg zwischen den Stämmen endete, entzündete sich zwar an einer unbedeutenden Angelegenheit, betraf aber einen nicht unwichtigen Aspekt des traditionellen Rechts. Einige Frauen waren zum Fischen gegangen und hatten einen Bach gedämmt. Sie unterließen es jedoch, die rechtmäßigen Eigentümer um Erlaubnis zu fragen.
Ein schwerwiegender Fehler. Das Vorkommnis schürte Ärgernis und Streit unter die verschiedenen Gruppen, die damals alle einer einzigen großen Sprachfamilie angehörten.
Die drei Überlieferungen berichten von Geschehnissen, die Krieg und Uneinigheiten heraufbeschworen haben. Deren Nachwirkungen sind heute noch zu spüren. Erst kürzlich wurden mein mich begleitender Kameramann und ich auf einer Expedition in die Highlands von Papua unfreiwillig in einen Krieg verwickelt. Zwei Stämme waren sich an dem Bach, in dem ich nach Fischen und Pflanzen forschte, in die Haare geraten. Dort hatten beim Wasserholen zwei Männer eines Stammes einen Jungen eines anderen Stammes getötet (wahrscheinlich unbeabsichtigt). Der tote Junge aber war der Sohn des Häuptlings und dieser erklärte den Krieg. Man einigte sich vor dem Kampf auf die Vorgehensweise: 52 Monde sollte er dauern, 6 Tage in der Woche, von 6 Uhr früh bis 6 Uhr abends mußte gekämpft werden, ohne Hinterhalt, Mann gegen Mann. Frauen und Kinder blieben unberührt und durften für Essen am Kampfplatz sorgen. Wer nach 52 Monden die meisten Verluste aufzuweisen hatte, war der Unterlegene und mußte auf die Forderungen des Gewinners bedingungslos eingehen. (Man sollte überall solch eine Kriegsführung festlegen…).
Zum Glück verfehlte ein Pfeil mein rechtes Ohr um zwei Zentimeter. Wolfgang, meinem Kameramann und Begleiter, zischte ein zweiter Pfeil zwischen die Beine (wir waren die einzigen im Kampf ohne Schutzschilder…)!
Daraufhin ergriffen wir die Flucht. Mein Interesse an der dortigen aquatischen Flora und Fauna war wie ausgelöscht. Aber zurück zum Markhamtal und Wanam.
Die eigentliche Erforschung durch den weißen Mann und sein Erscheinen auf der dortigen Szene begann 1886. Die Deutschen befaßten sich mit dem Nordteil Papuas, um es später Kaiser-Wilhelms-Land zu taufen. Orte erhielten Namen wie: Friedrich-Wilhelmshafen (heute Madang), Konstantinhafen, Ste-phanshafen oder Finschhafen, um nur ein paar in dieser Region zu nennen.
Der damals für diese Region ernannte Gouverneur Georg Freiherr von Schleinitz machte als erster den Versuch, das Markhamtal hinauf zu fahren, aber schon nach zwei Meilen mußte er feststellen, daß der Fluß nicht schiffbar war. Untiefen und Stromschnellen machten ein Weiterkommen unmöglich. 1903 brach eine neue Expedition auf, wurde aber von den Wampar zurückgeschlagen. Und die 1905 von Friedrich-Wilhelmshafen ausgerichtete Erforschungsgruppe hatte noch weniger Glück. Es soll sogar ein Teil der damals Getöteten von den Einheimischen festlich verspeist worden sein…
Der deutsche Missionar Georg Bamler startete dann am 9. Februar 1906 ein Einmann-Unternehmen. Er stieß auf den Abenteurer, Schürfer und Farmer Wilhelm Dammköhler. Dieser erzählte Bamler, daß die etwa 400 Laewomba (= Wampar) 40 km stromaufwärts harmlose Menschen seien. Allerdings wäre er in einem anderen Dorf auf der rechten Flußseite angegriffen worden, aber nachdem er einige Krieger niedergeschossen habe, konnte er ungehindert dort lagern.
Dammköhler, der 1907 mit einer Vermessungsexpedition erneut im Markhamtal tätig war, wurde Zeuge kriegerischer Stammesfehden, wobei die Laewomba erst 68 und später 30 Menschen töteten. Die Vermessungsleute blieben unversehrt. Als die Arbeiten im Dezember 1907 abgeschlossen waren, machte sich Dammköhler in Begleitung des Geodät Otto Fröhlich auf, den Markham weiter zu erforschen. Mit 15 Trägern (darunter ein Mann aus Tikandu, Vater der jetzigen Frau des Außenminister von Papua, Albert Maori Kiki) folgten sie dem Lauf des Bambu landeinwärts, die Siedlungen der Eingeborenen meidend.
Sie erreichten am 4. Tag den heutigen Erap. Am darauffolgenden, dem Weihnachtstag, durchquerten sie eine Ebene bewachsen mit Kunaigras und am 6. Tag gelangten sie an die Stelle des Zafirbaches, an der sich das Tal nach Norden öffnet. Sie überquerten den Leron-Fluß und trafen auf Sangang Dörfer, umgeben von großen Bananengärten. Die einheimischen, schwer bewaffneten Krieger, umzingelten die Expedition. Dammköhler sprach ruhig auf sie ein. Die Nackten waren hochgewachsen, ganz anders als die Küstenbewohner. Ihre Haare halblang, z.T. schwarz und rot gefärbt, in den Händen Speere und Holzkeulen. Die einzige Frau, in einem gelb-rot-braun gestreiften Grasrock, stachelte die Krieger an, die Eindringlinge anzugreifen. Die Krieger trugen große Schilder (gleiche wie die der Einheimischen, in deren Krieg ich verwickelt war – auf den Fotos nächste Seite zu sehen), sie kamen immer näher und die Situation spitzte sich zu. Dammköhler feuerte einige Warnschüsse ab, konnte sie so in angemessener Entfernung halten und auf seinem Weitermarsch abschütteln. Kurz darauf aber verfolgte ihn ein anderer Stamm, der der Ngarowapum. Und denen entging er durch die abenteuerliche Überquerung des reißenden Umi-Flusses.
Die Expedition durchquerte die Nordseite des Kräte-Gebirgzugs, stieß auf riesige Kokosnußpflanzungen und andere Dörfer. Hier wurden sie kaum beachtet, jedoch nach der Übergabe von Geschenken freundlich aufgenommen. Die ebenfalls kräftig gebauten, zum Teil über 1.80 m großen Männer ohne jegliche Bekleidung mit halblangem Haar, abrasiertem Bart und Halsketten aus Bananensamen oder Muscheln, waren begeistert, als Dammköhler ihnen demonstrierte wie der weiße Mann Feuer machen kann. Auch der Umgang mit einem Messer war für sie neu.     
Sie lebten hier wie vor Jahrtausenden mit fein gearbeiteten Steinbeilen und Speeren, sorgfältig geschnitzten Tabakpfeifen und Holzkeulen in geräumigen Rundbauten, ähnlich jenen anderer Stämme – nur etwas höher und geräumiger. Gezähmte Kakadus stolzierten zwischen den gepflegten Anpflanzungen herum, Schweine gab es keine.
Dammköhler und seine Männer erreichten nach einem kurzen Aufenthalt den höchsten Punkt (400 m über dem Meeresspiegel) im Tal und blickten von dort auf das Ramutal. Er fühlte sich beim Anblick in seiner Vermutung bestätigt, daß der Markham und der Ramu durch eine weite ununterbrochene Ebene verbunden sind. Die aus dieser Expedition resultierende, mit äußerster Präzision angefertigte Landkarte zeigte zum ersten Mal die Existenz dieses wunderschönen Tales und des Wanam Sees auf. Diese Karte war damals ein kaum zu schätzender Beitrag zur Bestimmung des Markham-Ramu-Gebietes.

 

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Der obere schwarze Punkt ist die Lokalität vom See Wanam

 

Dammköhler, der erfahrene Goldschürfer, hatte auf dieser 39 Tage dauernden Reise natürlich auch Stellen entdeckt, an denen er Gold vermutete. Diese Entdeckung bewegte ihn, noch weitere Expeditionen zu unternehmen, um nach dem begehrten Metall zu suchen. Dazwischen reiste er sogar bis nach Australien, um dafür neun Pferde zu holen.
Am 29. Juli 1909, zusammen mit seinem Freund Rudolf Oldörp, drei Lahe Männern (nach deren Stamm die heutige Provinzhauptstadt Lae benannt ist) und vier Pferden (fünf waren auf der ersten Reise verendet) brach er erneut zum Markhamtal auf. Es war eine extrem strapaziöse Reise, von der er nicht mehr zurückkehren sollte. Zuerst ließen ihn unterwegs seine Träger im Stich, danach griffen ihn Einheimische an. Von elf Pfeilen getroffen, erlag er seinen Verletzungen. Oldörp konnte mit sechs Pfeilwunden überleben und rettete sich auf einem selbst gebauten Floß den Fluß hinunter. Und trotz dieses furchtbaren Vorfalles konnte auch er nicht vom Gold ablassen. Ohne jemanden über den genauen Fundort zu informieren, stellte er im gleichen Jahr eine neue Expedition in Friedrich-Wilhelmshafen zusammen. Diese ist aber, mit ihm und dem Schiff, bei der Umsegelung der Huon-Halbinsel in einem Sturm untergegangen. Mehr Glück hatten der deutsche Arzt und Ethnologe Richard Neuhaus und die Missionare Lehner, Mailänder und Keysser im April desselben Jahres, und im Juni 1910. Sie bekehrten die Laewomba und erzielten Frieden zwischen den Stämmen. Angeblich hatten damit die ununterbrochenen blutigen Stammesfehden zwischen 1870 und 1910, die Überfälle benachbarter Stämme, die Wanderungen, permanente Flucht und der Völkermord ein Ende. Aber ich bezweifle das!  
Es ist Tatsache, daß die Missionare 1910 ihre erste Missionsstation in dem damals mit geschätzten 10.000 Menschen besiedelten Markhamtal etablierten. Doch immer wieder standen die Missionare beim Versuch ihrer Bekehrung wie vor einer Mauer.

 

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Lotus Blumen im See Wanam

 

Die Laewomba hatten in ihren fruchtbaren Gärten genug Nahrung, ohne dafür hart arbeiten zu müssen. Sie verbrachten ihr Leben mit Jagen, Kämpfen, Tanzen, Feste feiern und hielten (halten) an ihren überlieferten Sitten und Denkweisen zäh fest. Niemand starb eines natürlichen Todes; er war stets vom bösen Willen eines anderen verursacht. Durch Mord oder Zauberei, es war (und ist heute noch) oberstes Gebot, Rache zu nehmen, um den Geist des Verstorbenen zu besänftigen. Der schwarze Rindenhut, den die nächsten Verwandten des Toten trugen, konnte erst abgenommen werden, wenn der Zauberer oder eine andere Person im Kampf getötet und sein Kopf – zum Beweis der vollzogenen Rache – mit nach Hause gebracht worden war. Auch das Kopfjagen fand damals noch regelmäßig statt (heute kaum), hauptsächlich am oberen Markham, im Gebiet der Azera.
Als am 17. August 1914 der 1. Welt-krieg ausbrach und einen Monat später der amtierende Gouverneur vom
Kaiser-Wilhelms-Land, Dr. Haber, die Kapitulation unterzeichnete, konnten die Deutschen, nachdem sie ihre Neutralität eidlich bekundet hatten, im Land bleiben und ungehindert ihren Tätigkeiten nachgehen. Die Mission breitete sich ständig weiter aus und besonders nach 1921 als in Papua der Wechsel von Militär zur Zivilverwaltung stattfand und das ehemalige Deutsch-Neuguinea den Status eines Mandatsgebietes des Völkerbunds unter australischer Administration erhielt. Der Deutsche Pfarrer Örtel vollzog in März des gleichen Jahres die erste Taufe und ab 1922 wurde sie im Markhamtal vielfach praktiziert.
Wie schon Dammköhler und Oldörp 1908 ahnten, wurde das Tal der Landwirtschaft erschlossen. Erst kamen riesige Baumwollplantagen (die aber an der hohen Luftfeuchtigkeit scheiterten), später entstanden Erdnußplantagen.
Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges hatte man im Tal schon eine 25 km lange Straße erschlossen. Heute gibt es sehr gute Asphaltstraßen bis weit ins Highland sowie Richtung Bulolo und Wau, dem Gebiet, in dem nach Dammköhlers Entdeckung der Goldrausch ausbrach. Er hält bis heute an und hat den größten Abschnitt dieser Region in einen Zustand versetzt, der aus der Luft betrachtet, den Eindruck vermittelt, als ob das gesamte Gebiet von Maulwürfen durchwühlt worden sei. Es ist traurig, was dort an der Natur – ohne jegliche Rücksichtnahme – verbrochen wird! Was früher durch die weißen Goldsucher eigentlich noch harmlose Ausmaße hatte, wird heute von den Einheimischen restlos zerstört.
Fast wie durch ein Wunder ist glücklicherweise von all dem bis jetzt der Traumsee Wanam verschont geblieben. Allerdings ist hier – ebenfalls von Menschen verursacht – eine ganz andere Katastrophe – eingetreten!  
Der See liegt, trotz der nahegelegenen gut ausgebauten Straßen und weitgehender Asphaltierung, immer noch praktisch unzugänglich im Markhamtal. Fährt man auf der heutigen Straße von Lae zum neuen, etwa 40 km außerhalb der Stadt im Tal liegenden Flughafen, kommt man automatisch zur Abzweigung “Bulolo” und “Wau”.

 

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Man setzte Tilapien im See Wanam ein, welche die natürliche Fauna erheblich beeinträchtigt hat
 

Nach etwa 20 km erscheint mitten im Grünen zwischen Hügeln und Erhebungen abseits der Straße auf der rechten Seite eine große Hühnerfarm. Kurz davor biegt ein abschüssiger, so gut wie nie befahrener Erdweg von der Aspahaltstraße ab (dementsprechend sein Zustand – restlos überwuchert vom Gestrüpp – siehe Fotos oben). Dieser Weg führt quer durch Meter hohes Gras an niedrigen Bäumen vorbei und endet abrupt. Beim genauen Hinsehen allerdings entdeckt man, daß es weiter geht – vorausgesetzt, man ist mit einem Vierrad ausgerüstet und es hat nicht geregnet. Nach ca. 8 km erreicht man dann eine mit Schilfgras zugewachsene Lichtung. An ihrem Ende sind Bäume zu sehen, die im Wasser stehen. Dahinter erheben sich grün bedeckte Hügel (links). Fällt das Sonnenlicht darauf, wirken sie unnatürlich – wie eine Hollywood-Attrappe oder das bestgepflegteste englische Lawn.Wenn man Glück hat liegt hier ein Kanu (aber ohne Ruder…) oder man trifft auf einen der wenigen am See wohnenden Menschen. In dieser traumhaften Landschaft hat sich nur eine 7-köpfige Familie niedergelassen (siehe Foto unten im Rand). Und sonst niemand!
Man muß etwa einen weiteren Kilometer im Kanu (rechts außen) an herrlichen Lotuswäldern vorbeipaddeln und sich durch deren faszinierenden rosa Blüten durchschlängeln, entlang der im Wasser stehenden Bäume. Danach erschließt sich die volle Pracht des Sees. Eingebettet in die grünen Hügel liegt er still und ruhig im Tal. Gerade so als ob er seit Jahrmillionen keinen Menschen gesehen hat. Aber dieser Anblick täuscht. Schaut man unter die Wasseroberfläche, ist alles aufgewühlt und in dieser trüben Brühe sieht man Tausende Tilapien umherschwimmen. Praktisch kein anderer Fisch weit und breit! 

 

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Bleher beim packen seiner frisch gefangenen Juwelen: Glossolepis wanamensis
 

Es ist nicht mehr ganz genau nachvollziehbar, wer diese afrikanischen Cichliden (Fotos unten links) hier eingesetzt hat. Obwohl Tilapien in ganz Neuguinea weit verbreitet, in fast jedem Flußsystem und See ausgesetzt wurden – ohne großen Erfolg -, ist es nicht verständlich warum auch in diesem entlegenen unbewohnten See!

1977 hat Dr. G. R. Allen hier den endemisch, nur im Lake Wanam vorkommenden phantastischen Regenbogenfisch entdeckt (siehe unten). Den er 1978 mit Frau Kailola als Glossolepis wanamensis beschrieb. Zu diesen Zeitpunkt – erinnert sich Jerry –  gab es noch keine Tilapien im See. Die Exoten sind also erst danach eingesetzt worden. Ich gelangte viel später zum ersten Mal zum Wanam See.

Dieser Regenbogenfisch war nie lebend nach Europa gekommen. Meine Tätigkeit beschränkt sich nicht nur auf Natur- und Völkerreportagen, ich bereise Neuguinea seit 1974 jährlich und bringe lebende Exemplare zurück, um sie zu züchten. Dies ermöglicht vielen Menschen auf der Welt den Zugang und die Freude an solch phantastischen Kreaturen. Sie können viel von diesen herrlichen Tieren lernen. Außerdem hat ein Aquarium eineberuhigende und entspannende Wirkung. Solche Einrichtungen tragen dazu bei, Tierarten, die in der Natur ausgestorben sind – wie der Wanam-Regenbogenfisch – zu erhalten. Möglicherweise kann man sie eines Tages wieder in der Natur auswildern. Machen wir uns nichts vor: Wilde Populationen von allen möglichen Tieren – und tropische Süßwasserfische mehr als jedes andere Wirbeltier – sind auf unserem Planeten zum Aussterben verurteilt. Das menschliche Wesen mit seiner rücksichtslosen

Zerstörung der Natur ist nicht aufzuhalten. Daran ändert weder ein Washingtoner Artenschutzabkommen

etwas, noch irgendein Tierschutzverband in Europa oder Amerika.

Es gelang mir 1992 zum ersten Male zum See vorzudringen. Mir wurde natürlich der Tilapiendruck auf die natürliche aquatische Flora und Fauna bewußt, doch zu diesen Zeitpunkt erschien es nicht so dramatisch. Weit schlimmer sah es bei der nächsten Reise 1994 aus (ich hatte das erste Mal nur ein Männchen gefangen und das war nicht genug). Nun wurde mir bewußt, daß die ausgesetzten Oreochromis mossambicus überhand genommen haben und die einheimischen Fische verschwinden würden. Mühevolles Suchen im See ergab nur noch vereinzelte adulte Tiere. Im nächsten Jahr (1995) stieß ich erneut mit Paola Pierucci, der unerschrockenen Italienerin, zum See vor. Auf dieser letzten Reise wurde mir klar, daß die wunderschöne Spezies von den Tilapien ausgerottet worden war. Millionen von Tilapien – die praktisch außer der 7-köpfigen Familie niemand fängt (und wieviel Tilapien kann ein Mann mit Frau und 5 Kindern essen?) – hatten sich inzwischen explosionsartig vermehrt und jede Nische im See eingenommen.

 

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Links: Glossolepis wanamensis kurz nach dem Fang. Rechts: Nachzucht (F1) von Glossolepis wanamensis

In dem fast runden etwa 3-5 km großen See fand ich nur noch eine einzige kleine Population von adulten, 2-3 Jahre alten Tieren: 7 Männchen und ein altes Weibchen (siehe im linken Rand das Weibchen). Weder Jungtiere, noch Laich. Das Wasser trüb bis auf den Grund, Tilapien weit und breit.

Man muß wissen, daß diese Mengen an Cichliden überleben wollen und sie, wie es im Reich der Tiere ist, ALLES FRESSEN was in ihre Maulnähe kommt. Der weiche Bodengrund bietet kaum noch Nahrung und andere natürliche Spezies, außer einer robusten Grundel (Oxyeleotris fimbriatus), gibt es nicht mehr. Bald werden sich auch die eingesetzten Tilapien selbst reduzieren, spätestens dann, wenn die letzte natürliche Futterquelle versiegt ist – alles verursacht durch den menschlichen Unverstand.

Die Welt ist um eine wunderschöne Schöpfung der Natur ärmer. Der Mensch, die offensichtlich ignoranteste Spezies in der langen Evolutionsgeschichte der Erde, hat es wieder einmal geschafft.

Die Zahl der täglich durch solch un-überlegte Taten verschwindenden Arten und die Zerstörung unserer Lebensgrundlage – die Natur – ist kaum noch aufzuhalten. Ich bin sicher, daß der Mensch seine Umwelt, und damit sich selbst, zugrunde richten wird.

Text & Fotos: Heiko Bleher

Zeichnungen & alte Fotos: ag Archiv

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